31. Mai 2007

Zwei Cents: Die ganze Welt ist eine Bühne…

Abgelegt unter: M.Kolumne — FlS @ 14:21

Ich weiß nicht, ob Ihr schon mal einen Moment hattet, an dem die Wände Eurer Welt zittern. Mir geht es gerade so. Meine Hände schwitzen. Ich sitze vor einem Bildschirm und versuche, Sinn aus den Ereignissen zu machen, die mir von jeder Newssite entgegen geworfen werden. Egal, wie ich’s drehe und wende: Die Medien sagen mir, dass die berufliche Laufbahn meines Vaters vorbei sei, weil ihm einer der angeblich größten Drecksäcke Deutschlands buchstäblich auf’s Dach gestiegen ist. Es ist der neunte November 2006. Mein Vater ist der Leiter der Justizvollzugsanstalt Dresden.


Bildquelle: APA

Für all jene von Euch, die sich sechs Monate später nicht mehr an dieses Großereignis erinnern, hier eine kurze Zusammenfassung: Am Morgen des 9.11. letzten Jahres hatte Mario M., der nach eigenem Bekunden einige höchst unappetitlichen Verbrechen an einem kleinen Mädchen begangen hatte, Hofgang im Dresdner Gefängnis. Hofgang, das bedeutet ein paar Minuten frische Luft und unverstellte Sicht auf den Himmel, irgendwo weit hinter den Gefängnismauern. M., dem das anscheinend nicht genügte, rannte vor seinen Wärtern weg, zog sich an den vergitterten Zellenfenstern hoch, und stand schließlich auf dem Dach der JVA Dresden. Bis er knappe zwanzig Stunden später darum bat, wieder runter geholt zu werden, denn aus irgend einem Grund kam er vom Dach der Zellenblocks nirgendwo sonst hin.
Was trieb M. so lange Zeit in der zugigen Höhe? Nun, er drohte zunächst mal damit, sich in die Tiefe zu stürzen, falls man versuchen sollte, ihn da gewaltsam runter zu holen. Er verlangte eine Decke, denn da oben wurde ihm schnell kalt. Und er grinste in die Fernsehkameras, die nach kurzer Zeit auf das Gefängnisgelände gerichtet waren.

Die von diesen Kameras übertragenen Bilder finden schnell Verwendung: Bei der Suche nach M.s entführtem Opfer soll es zu einigen Schlampereien gekommen sein, von denen ich nicht genug weiß, um mehr darüber zu sagen, als dass sie anscheinend die Ergreifung des Mannes und die Befreiung des Mädchens verzögerten. Die ganze Sache war bereits ein ausgewachsener “Justizskandal” (Spiegel), und nun schlägt dieser Verbrecher der sächsischen Justiz abermals ein Schnippchen. N24 stößt sein Programm um und ersetzt es mit Livebildern vom Gefängnisdach. Die regionale und nationale Presse schildert auf ihren Internetangeboten minutenaktuell die Verhandlungen zwischen dem Häftling und den Polizeipsychologen. Selbst Phoenix zeigt Bild-im-Bild Aufnahmen vom Nicht-Ganz-Fluchtversuch. Am Abend des Tages schickt die Lebensgefährtin meines Vaters der Verwandtschaft eine Mail, in der sie uns behutsam darauf einstimmt, von ihm in der nächsten Woche allenfalls aus der Zeitung zu hören.

Der zehnte November bringt ein Bild meines Vaters in der BILD-Zeitung unter der Überschrift “Eine Schweinerei!”. Guido Westerwelle ruft nach dem Kopf des sächsischen Ministerpräsidenten und aller Verantwortlichen. Ein bunter Chor von Politikern, namentlich genannt zumeist Vertreter der CSU, stimmen zu. Immerhin muß ich meine Wahlgewohnheiten nach der Sache nicht umstellen. Indes beginnt eine der Dresdner Lokalzeitungen, meinen Vater dazu aufzurufen, zurück zu treten. Die Eltern von M.s Opfer kündigen durch ihren Anwalt eine Schmerzensgeldklage gegen das Bundesland und ihre baldige Emigration an. Auf Betreiben der NPD-Fraktion wird eine Sondersitzung im sächsischen Landtagsausschuß eingerichtet. Gegen Abend telefonieren mein Vater und ich dann doch. Er klingt müde und leicht ungläubig ob all der Aufregung um den Vorfall. Mario M. sitzt den ganzen Tag über in seiner Einzelzelle.

Die nächsten Tage bringen - nichts. Die nationale Presse und das Fernsehen nehmen sich neuer Themen an. Als M. einige Tage später einen Erstickungsanfall in seiner Zelle provoziert, schafft die Meldung vielerorts nicht mal die Abendnachrichten. Mein Vater hat die nächsten zwei Wochen noch mit der Lokalpresse und dem Landtag zu tun, dessen Befund sich schnell abzeichnet: Zu keinem Zeitpunkt waren Unschuldige in Gefahr. Trotzdem ärgerlich. Die Dresdner Gefängnisdächer sollten umzäunt werden. Nachdem das geklärt ist, kann mein Vater zu der Arbeit zurück kehren, für die ihn der Staat eigentlich bezahlt.

In der Verhandlung berichten M.s psychologische Gutachter später, dass der Mann einen krankhaften Drang hat, Macht über seine Mitmenschen zu erlangen. Ich bekomme dies nur am Rande mit, denn ich muß mich auf meine Medienrechtsklausur vorbereiten. In einem Lehrbuch lese ich dabei, dass die Pressefreiheit deshalb so wichtig sei, weil sie maßgeblich zur öffentlichen Meinungsbildung beitrage, indem sie die Gesellschaft auf drohende Gefahren aufmerksam mache. Und ich muß an die Geschichte von dem Jungen denken, der “Wolf!” ruft.

(FlS)

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