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Fünf vor Zehn im Audimax. Der Saal ist sporadisch besetzt, die Studenten starren verschlafen in die Gegend - business as usual. Nur die Menge an Zuhörern mit Grau im Haar lässt vermuten, dass man hier nicht auf eine verspätete Grundlagenvorlesung wartet. In wenigen Minuten wird hier ein wirklich, wirklich, schlauer Mann sprechen. Über den Nobelpreis, und das, was danach kam. Und von der Last, mit ein klein wenig Einfluss vor wirklich, wirklich großen Problemen zu stehen.

Bildquellen: NASA und David Monniaux
Fünf nach Zehn. Einer der ISWI-Organisatoren tritt aufs Podium und verliest Prof. von Klitzings Errungenschaften. Der Nobelpreis in Physik. Eine Fundamentalkonstante, die nach ihm benannt ist. Ein Max Planck-Institut unter seiner Leitung. Engagement in Umwelts-, Menschenrechts- und Bildungsinitiativen. Kein Zweifel - wir begrüßen hier jemanden Großen.
Als dieser Große dann unter Applaus auf die Bühne tritt, sieht er wie ein freundlicher Physiklehrer aus. Klaus von Klitzing spricht mit der Sicherheit eines Mannes, der seit Jahren Reden hält, und mit dem dicken Akzent von jemandem, dessen Ausdrucksweise man nicht so schnell kritisiert. Er beginnt seine Rede wie ein routinierter Wissenschaftler - mit einem Abstract: Ein Mix aus Wissenschaft, Autobiographie und Weltgeschehen stehe uns bevor. Doch vor der Pflicht kommt die Kür.
Der Nobelpreis, und dann …
Über die Entdeckung, die Prof. von Klitzing den höchsten Wissenschaftspreis der Welt einbrachte, ist er nach eigenem Bekunden zufällig gestolpert. Er spricht ein paar Worte zur von Klitzing-Konstante. Fragt mich nicht nach den Details - für mich klingt das, was er da erzählt, nach Hardware-Grundlagen auf Speed. Was hängen bleibt, sind seine Begeisterung für das Fach, die auch 22 Jahre nach dem Telegramm vom Nobel-Komittee noch spürbar ist, und das selbstironische Augenzwinkern, mit dem er sich selbst darstellt. Der für ihn beste Teil der Preisverleihung? Das anschließende Festbankett.
Der Nobelpreis ist der unzweifelhafte Höhepunkt einer wissenschaftlichen Karriere. “Danach geht’s nur noch nach Unten.” Manch ein Preisträger sei ob dem wahnsinnig geworden. Er selbst habe versucht, auf dem Boden zu bleiben. Was nicht ganz einfach ist: Zwei Jahrzehnte später tragen ein halbes dutzend Strassen und ein Asteroid den Namen des Professors, der um elf Ehrendoktortitel angeschwollen ist. von Klitzing ist Mitglied in Nationalakademien auf mehreren Kontinenten und trägt neben der großen goldenen Medallie noch eine Reihe weiterer Preise. Ständig erhält er Einladungen zu Anlässen aus aller Welt - am Ende der heutigen Veranstaltung verabschiedet er sich schnell, denn er muß am Abend noch einen Vortrag in Wismar halten.
… tun was man will?
Zwischen all den Ehrungen ist Prof. von Klitzing der Wissenschaft treu geblieben. Er leitet das Max Planck-Institut für Festkörperforschung - und erzählt enthusiastisch von seiner Arbeit dort, von künstlichen Kristallstrukturen und Nanotechnologie. Doch es gibt kein Entkommen: “Plötzlich ist man wichtig.” Und so fängt es an. von Klitzings Vater war im Forstbetrieb, also tritt der Sohn dem WWF bei. Menschenrechtsorganisationen und Anti-Kriegsbewegungen folgen. Selbstironisch zeigt er einen Zeitungsartikel, in dem ein Scherz von ihm als Vorschlag, Michail Gorbatschow den Friedensnobelpreis zu verleihen, umgedeutet wird - was wenige Jahre später geschieht.
Die Welt hört zu, wenn er spricht, und so spricht Klitzing über die Dinge, die ihm wichtig sind. Er nennt das “Power of Shame” - die Macht, die Mächtigen zu beschämen, und so zum Handeln zu zwingen. Als er und andere Nobelpreisträger die Verhaftung von sowjetischen Wissenschaftlern kritisieren, dürfen diese in den Westen ausreisen. Er trägt dieses Engagement fort. “Wissenschaftler nutzen ihr Hirn, und kommen deshalb oft mit ihren Regierungen in Konflikt.”
Als Kind hat der Nobelpreisträger in Trümmern gespielt. Wie viele der Nachkriegsgeneration hält er Bildung für unverzichtbar - der einzige Besitz, der bleibt. So unterstützt er Bildungsinitiativen, wo nur immer möglich. Ein Preis für engagierte Physiklehrer trägt seinen Namen.
Und dann die großen Themen.
von Klitzing erzählt von Nobelpreisträgerkonferenzen in Jordanien, von Resolutionen über die Erderwärmung, von Bevölkerungswachstum und Rohstoffknappheit. Er erzählt von seinem Treffen mit Olmert und Abbas, die beide den Frieden wollten, aber nicht die Macht hätten, ihn durchzusetzen. “Wer sich auf Minderheiten stützt, kann keine Veränderungen bringen.” Nur das Volk könne im Nahen Osten etwas ändern. Aber das brauche Zeit.
Der Professor erzählt vom Völkermord in Darfur, vom Kampf der Nobelpreisträger, eine Gruppe von ihnen ins Land zu schicken, um - Power of Shame - die Weltöffentlichkeit auf die Situation hinzuweisen. Ihnen werden die Visas verwehrt. Als die UNO über den aus den Nachbarländern heraus erstellten Alternativbericht diskutieren will, protestiert die Liga Islamischer Staaten: Die Daten wären ja nicht vor Ort gesammelt worden. Also schreibe man jetzt Briefe an Bush und Alonso, die freundlich antworten, und wenig tun.
Als die Zuhörer dem Mann, der in seinem Feld alles erreicht hat und deshalb weiter getreten ist, Fragen stellen dürfen, regiert ein Wort: “How?”
Wie kann man die Klimaerwärmung eindämmen? Wie kann man erneuerbare Energien weiter verbreiten? Wie kann man die Bildung im eigenen Land verbessern? Wie die Gewalt an den Grenzen senken? von Klitzing hört zu und spricht von internationalem Austausch, von Pilotprojekten und wirtschaftlicher Emanzipation. Aber all das brauche Zeit.
Irgendwann steht ein afrikanischer Gast auf und beginnt, mit Wut im Bauch zu sprechen. Er sei schon nach Großbritannien geschickt worden. Er habe gelernt. Als er dann nach Hause kam, wollte er das Gelernte umsetzen - aber niemand hatte seine Vorschläge ernst genommen. Nun sei er hier, lerne, werde zurück kehren, und wieder ignoriert werden. Was nütze Bildung, wenn sie nicht umgesetzt wird? von Klitzing spricht von der schwierigen politischen Situation in Afrika. Er ermahnt zur Geduld. Veränderung brauche viel Zeit.
Der Nobelpreis, und dann - tun was man kann. So wenig es auch sein mag.
(FlS)