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Ihr Spielfeld ist die Nanotechnologie, doch dort könnten ihre Ausgangspositionen kaum unterschiedlicher sein – der eine ist Wissenschaftler, der die Chancen der Nanotechnologie als Herausforderung sieht; der andere Kritiker, der nicht müde wird, vor den unabsehbaren Folgen der rasanten Technikentwicklung zu warnen.

Wortgefecht: Oliver Ambacher (links) und Pat Roy Mooney (rechts) zeigten, wie unterschiedlich man das Thema Nanotechnologie betrachten kann, Moderator Nils Boeing blieb unparteiisch (Bildquelle: ThD)
Mit Spannung erwartete ein prall gefüllter Audimax die Nano-Debatte zwischen Oliver Ambacher und Pat Roy Mooney zum diesjährigen - in der ISWI eingebetteten - Dies academicus. Während Ambacher als Professor und Leiter des Ilmenauer Zentrums für Mikro – und Nanotechnologie (ZMN) bekannt sein dürfte, machte sich der Kanadier Mooney als Träger des alternativen Nobelpreises einen Namen. Moderiert wurde das Rededuell von Nils Boeing, der als Diplom-Physiker und Autor ebenfalls auf dem Gebiet der Nanotechnologie bewandert ist.
Mehr als nur ein Forschungsprojekt
Aufeinander losgelassen, zeigten die beiden Spezialisten zunächst mehr Gemeinsamkeiten als vermutet. Beide sehen in der Nanotechnologie mehr „als nur ein Forschungsprojekt“ (Mooney) oder eine „neue Technik“ (Ambacher). Vielmehr geht in sämtlichen naturwissenschaftlichen Disziplinen der Trend in Richtung Miniaturisierung. Physiker, Chemiker, Biologen und andere Spezialisten hantieren heute bereits mit Teilchen, die 50000 Mal kleiner sind als die Breite eines Haares. Kratzfeste Oberflächen, entspiegelte Gläser oder selbstreinigende Fenster sind dabei nur ein winziger Bruchteil des Spektrums an Möglichkeiten, mit denen die Nanotechnologie daherkommt. Gelingt es, die Mini-Teilchen gezielt zu steuern, stellen selbst Veränderungen an Zellen kein Problem mehr dar. Ungeahnte neue Methoden zur Bekämpfung von Krankheiten oder der Gewinnung von Energie wären denkbar.
Unbekannte Auswirkungen
Was die einen als Triumph der Wissenschaft feiern, beunruhigt die anderen zutiefst. Aus Ambachers Sicht betitele der Begriff Nanotechnologie dabei doch lediglich etwas, was es schon seit Beginn der Evolution gibt – nämlich Teilchen im Nanometerbereich als einfache Bestandteile der Natur. Die oft betriebene Panikmache sei unangebracht, denn „auch jetzt in diesem Moment befinden sich Millionen von Nanopartikeln in jedem Kubikmeter Luft, völlig unschädlich für Mensch und Umwelt“, verdeutlicht der Ilmenauer Professor.
Grund für die Sorgenfalten Mooneys sind allerdings nicht natürliche, sondern vom Menschen veränderte Nanoteilchen. „Fakt ist, dass bisher niemand abschätzen kann, wie sich künstliche Nanopartikel auf Umwelt und Lebewesen auswirken“, argumentiert der 60-jährige und erntet dafür Applaus aus den Reihen der Zuhörer. Mit Sorge beobachte er daher auch die weltweit stark zunehmenden Forschungsaktivitäten im Bereich Nanotechnologie, die oftmals ohne ausreichende Sicherheitsvorkehrungen abliefen. „Es hat sich ein regelrechtes Wettrennen entwickelt, allein in Peking stehen mehr Nanoforscher in Laboren als im gesamten Westeuropa“, berichtet der engagierte Kanadier, der sich für die Einrichtung einer globalen Institution einsetzt, die ähnlich der internationalen Atombehörde unabhängig von wirtschaftlichen oder politischen Interessen regulierend wirken soll.
Riesiges Potenzial
Auch Ambacher wies auf die Verantwortung hin, der sich jeder Forscher bewusst sein müsse. Natürlich gäbe es auch schwarze Schafe, doch „aufgrund Einzelner sollte nicht das gesamte Forschungsfeld verteufelt werden.“ Gerade im Verbund mit der Biotechnologie könne die Nanotechnologie in naher Zukunft einzigartige Ergebnisse im Kampf gegen Aids, Krebs, Diabetes oder Alzheimer liefern. Ebenso wie Mooney ist es Ambacher deshalb wichtig, „das zweifelsfrei brisante Thema in verständlicher Sprache in die Öffentlichkeit zu tragen.“ Das riesige Potenzial der Nanotechnologie rechtfertigen seiner Meinung nach auch die Kosten für ein 15-Millionen-Objekt wie das ZMN, beantwortet er die Frage einer ISWI-Teilnehmerin, die so viel Geld eher in die Entwicklungshilfe oder andere Projekte investieren würde. „Ohne Nanotechnologie würden wir jetzt in einem dunklen Raum sitzen, Kameras und Beamer wären aus, ihre Kleidung hätte nicht diese Färbung“, so Ambacher – und die Liste ließe sich fortführen.
Kaum Hoffnung für dritte Welt
„Gewiss gibt es enorme Vorteile“, stimmt Mooney den Ausführungen Ambachers zu, „allerdings ist zu befürchten, dass die Nanotechnologie die Schere zwischen Arm und Reich auf der Welt weiter öffnen wird.“ Länder der dritten Welt könnten sich keine teuren Labore und Maschinen leisten, „wie schon so oft werden sie mit der technischen Entwicklung der Industrienationen nicht mithalten können“, prophezeit Mooney. Auch in den Wortmeldungen zahlreicher junger Menschen aus Palästina, Ghana, Weißrussland, Indonesien, Nigeria, Georgien oder dem Iran, die während der ISWI zur Debatte kamen, dominieren eher skeptische Töne.
Eine Lösung dieses Problems hat auch Ambacher nicht parat. Ebenso leugnet er nicht, dass die winzigen Partikel nicht nur positiv genutzt werden können. Während Visionen von spionierenden Nanorobotern doch eher an Science-Fiction erinnern, stellt die Manipulation von Körperzellen eine durchaus reale Bedrohung dar, landet das Wissen in den falschen Händen. Es sei im Prinzip wie mit der Erfindung des Otto-Motors, so Ambacher, „eingesetzt in Panzern, trägt er zum Leid dutzender Menschen bei, gleichzeitig treibt er aber auch Rettungsfahrzeuge an, die Leben retten.“
Sachliche Diskussionen, vor allem in der Öffentlichkeit, seien deshalb das beste Mittel im Umgang mit der Nanotechnologie. Sowohl Chancen als auch Risiken sollen betrachtet und nicht einseitig hervorgehoben werden. „Mit Studenten über das Thema zu sprechen, ist ein guter Schritt auf dem richtigen Weg“, demonstrieren am Ende beide Experten Einigkeit. Und trotzdem werden Ambacher und Mooney auch weiterhin mit unterschiedlichen Gedanken auf ihr Spielfeld blicken.
(ThD)
Back in the U.S.S.R Adi Braith.
Kommentar von Adi Braith — 27. August 2007 @ 05:51