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Man müsste schon genau hinschauen. Im Abspann von Al Gores „An Inconvenient Truth“ bewegen sich Buchstaben hin und her, und zwischen all den Namen, die die Mitwirkenden nennen, stehen Ratschläge und Hinweise. „Kaufen Sie ein sparsameres Auto“, „Schalten Sie Standbye-Geräte ab“ und Ähnliches kann der aufmerksame Zuschauer erspähen, sollte er nicht bereits aufgestanden sein.
Dr. Raúl Montenegro scheint mit seinen Gedanken bereits weiter zu sein. Zum zweiten Mal, so sagt er in der anschließenden Diskussion, habe er diesen Film nun gesehen. Das einzig wirklich gute an ihm: Dass es ihn überhaupt gebe. Thematisch zu einseitig, viele Faktoren ausgelassen, keine Lösungswege aufzeigt und nur auf die USA bezogen sind einige der negativen Punkte, die Montenegro aufzählt.
Er kritisiert, dass das Abholzen der Regenwälder nicht thematisiert werde, obwohl fehlende Wälder ebenso zum CO²-Problem beitrügen. Das dazu passende Wort „Deforestation“ fällt oft an diesem Abend. „It’s not only about reducing CO²“, es gehe nicht nur um die Reduzierung des Kohlenstoffdioxidausstoßes – auch diesen Satz kann man an diesem Abend mehrmals vernehmen.
Handeln könne man in kleinen Organisationen. Gerne zieht der Biologe und Träger des
Alternativen Nobelpreises 2004 dafür das Beispiel seiner eigenen Organisation heran, FUNAM, eine Umweltschutz-NGO. So habe man den unter anderem den Bau eines Atomkraftwerkes in Simbabwe verhindern können, ohne jemals vor Ort gewesen zu sein – nur mit Hilfe von Unterschriftenaktionen und den Medien. Letztere solle man nutzen, um gegen die Probleme in der Welt vorzugehen, da man nur über die Medien eine breite Öffentlichkeit erreichen könne.
Jeder Aktive stelle einen Regentropfen dar, der alleine vielleicht machtlos sei, mit vielen anderen Tropfen aber zu einem Regen werde. „An Inconvenient Truth“ stelle solch einen Tropfen dar, nicht mehr und nicht weniger. Dr. Montenegro mag das Metaphorische, er zieht auch das Beispiel mit der Mücke und dem Elefanten heran. So sei FUNAM eine Mücke, die dennoch die „Elefanten“ Atomlobby, Umweltsünder und Industrie ärgern könne.
Die Diskussion am Ende des Films verkommt ein wenig zu Monologen, angefangen mit einer Studentin aus Polen, die vom warmen Winter und Blumen im März erzählt, was von Montenegro nur mit einem „mmh.“ kommentiert wird. Mit seinen vielen Statistiken, Zahlen und Fakten sei Gore’s Werk schon so nicht für jeden leicht zu verstehen, merkt ein Student an. Auch die Begrenzung auf die USA sei folgerichtig korrekt: Als Erzeuger des meisten Kohlenstoffdioxid-Ausstoßes müsse in diesem Land das Umweltbewusstsein besonders erzeugt werden. Montenegro widerspricht den Studentenstimmen, die die positiven Aspekte des Film hervorheben oder versucht zumindest, sie zu relativieren. Spätestens hier wird deutlich, dass der Film nicht nur, wie Montenegro behauptet, in der gesamten Dritten Welt (mangels Bezug zu dieser) schlecht angekommen sei. Auch Montenegro selbst ist kein großer Al-Gore-Freund..
Nach einiger Zeit wiederholen sich leider die Aussagen Montenegros, und auch das Auditorium hat kaum neue Argumente, jedoch meist eine weniger strikte Einstellung. Die späte Zeit scheint sich bemerkbar zu machen, und auch Raúl Montenegro will den Raum verlassen – allerdings nicht, ohne an die Anwesenden nochmals zu appellieren, sich lokal zu engagieren, den Lebenstil zu ändern und sich mit Hilfe des Internets auch unabhängig von den Massenmedien zu informieren.
Der Abend endet, zum Thema passend, pessimistisch. Jeder Bürger in den Industrienationen müsse seinen Lebensstil ändern, weniger verbrauchen, weniger Müll produzieren, verantwortungsbewusster leben. Montenegro bringt das Dilemma daran auf den Punkt: Die meisten Menschen der Dritten Welt strebten nach genau diesem Lebensstil.
(SeB)