28. Juni 2007

Zwei Cents: “Oh, the places you’ll go…”

Abgelegt unter: M.Kolumne — FlS @ 22:47

Liebe Studenten der Matrikel 04 und 05,

es ist üblich, während der feierlichen Exmatrikulation am Ende des Studiums eine große Rede zu halten. Diese Reden strotzen meist vor Optimismus, vor Glück ob des überstandenen Lebensabschnittes und ob jener Perspektiven, die sich jetzt vor den Absolventen ausbreiten. In den USA gibt es bei solchen Gelegenheiten einen typischen Ausruf: “Oh, the places you’ll go!” - Oh, wo Ihr überall hinkommen werdet.

Nun, es ist wahrscheinlich, dass viele von uns vor diesem frohen Augenblick abgehen werden, weil uns die neu reformierten Studienpläne über die Regelstudienzeit hinaus und die Studiengebühren hinein getragen haben. Kein schöner Gedanke, zugegeben. Vielleicht kann man aber wenigstens heute, während unseres Bergfestes, einen Blick auf unsere Perspektiven über die nächsten paar Jahre werfen.
Oh, the places we’ll go.


Bildquelle: Stern.de

Es ist ganz einfach, zusammen zu fassen, was von uns erwartet wird: Wir sollen die neue Elite werden. Schnell. Abgänger von unserer Universität sollen den deutschen Innovationsmotor am Laufen halten, sollen den rasenden technischen Fortschritt managen, und auch sonst ihren Teil dazu tun, dass ‘wir’ - wer auch immer ‘wir’ sein mag - an der Weltspitze bleiben. Und bis dahin sollen wir möglichst wenig kosten. Die Kassen sind leer. Und außerdem - wieso sollte ein Bauarbeiter einem Ingenieur die Ausbildung finanzieren?

Zwischen diesen beiden Ewartungen - Exzellenz und Effizienz - und ihren politischen Verlängerungen - Bologna-Prozess und Studiengebühr - liegen unsere nächsten paar Jahre. Auf der einen Seite leben wir alle, ob als letzte Diplomanten oder erste Bachelors, mit der Anforderung, möglichst schnell so viel Wissen wie möglich aufzunehmen. Auf der anderen Seite sollen wir für das Privileg des solchermaßen verschulten und überfrachteten Studiums schnellstmöglich Geld auf den Tisch legen.

Es ist nicht sehr schwer, die Probleme an dieser Situation zu erkennen. Die Politik versucht, das Hochschulwesen zu industrialisieren; es zu einem effizienten Produktionssystem für Expertenwissen zu machen. Wir, die wir in diesen Umwandlungsprozess fallen, sind nicht mehr oder weniger als die “bedauerlichen anfänglichen Schwierigkeiten”, über die man in fünfzehn Jahren bei der Ehrung des Lebenswerks der Verantwortlichen mit einem Lächeln hinweggehen wird.

Stellt sich eigentlich nur eine Frage - warum sitz’ ich hier und tipp mir den Frust von der Seele, anstatt mit meinen Kommilitonen ein paar Verwaltungsgebäude zu besetzen? Es gab schließlich mal eine Zeit, zu der eine leichte Verteuerung der Straßenbahntickets dazu führte, dass Studenten mit Sitzstreiks ganze Innenstädte blockierten.

Richtig. Das ist mittlerweile vierzig Jahre her. Trotzdem werden wir heute noch an den mythischen ‘68ern gemessen. “Tut doch was, wenn’s Euch nicht passt!”, heißt es. “Seit Ihr wirklich so angepasst?” Die Ansprache wird dann üblicherweise noch mit der letzten Protestwelle in Frankreich garniert (wobei auf deren Ausgang generell nicht weiter eingegangen wird) und endet mit meinem absoluten Lieblingsspruch: “Irgendwas muß man doch machen!”

Ja, irgendwas muß man doch machen. Momentan machen Thüringens Studenten tatsächlich irgendwas. Und zeigen dabei, dass die andere Seite in den letzten vierzig Jahren nicht geschlafen hat. Damals war der studentische Ungehorsam absolut unerwartet. Sowas hatte es einfach noch nicht gegeben, und dementsprechend planlos ging der Staat auch vor. Heutzutage geht es um wirklich Großes - um das Ende der universitären Selbstbestimmung, um politische Einflußnahme in Forschung und Lehre, um die Einführung von Studiengebühren. Was tun wir dagegen? Einen Boykott gegen fünfzig Euro pro Kopf anzetteln.


Bildquelle: StuRa

Die Politik hat sich auf eine alte Strategie besonnen: Teile und herrsche. Es kann keinen deutschlandweiten Protest gegen die Studiengebühren geben, weil sie in manchen Bundesländern schon eingeführt sind, während andere noch zittern. Es wird nicht einmal in Thüringen zu einem großen Aufbäumen kommen, denn das Hochschulgesetz serviert uns die bittere Kost häppchenweise: Zuerst fünfzig Euro, dann nächstes Jahr ein paar administrative Änderungen, die wir alle nicht direkt spüren werden, und dann, 2009, wenn die meisten heutigen Studenten längst fertig sind, ernsthaft Studiengebühren.

Die Thüringer StuRas stellt das vor eine schwierige Aufgabe. Bis 2009 ist der Protest weggeschlafen, wenn sie ihn nicht am Laufen halten, aber zur Zeit ist der einzige Aufhänger eine Verwaltungsgebühr, die der Großteil der Studenten ohne übergroße Schmerzen stemmen kann. Mehr noch, selbst wenn ein Boykott zu Stande kommt, sehen wir in der Öffentlichkeit nur wie eine Bande von kleinlichen Bengeln aus, die sich weigern, pro Jahr hundert Euro für ihre Unis springen zu lassen - ohne dabei dem Kultusministerium auch nur einen finanziellen Mückenstich zuzusetzen.
Ganz ehrlich - ich habe nicht mitboykottiert. ‘Irgendwas’ reicht nicht. ‘Irgendwas’ kann gefährlich werden.

Man stellt sich studentischem Protest nicht mehr frontal. Man tritt zur Seite - und lässt uns ins Messer laufen. Im Besten Falle zünden ein paar von uns noch ein Auto an und machen unsere Sache gleich ganz unmöglich.

“Oh, the places you’ll go!”
Sollten wir nicht bald einen neuen Schlag aus dem toten Winkel, eine neue unvorhergesehene Form des Widerstands erfinden, passt für viele von uns bald ein anderer amerikanischer Ausspruch besser: “You want fries with that?”
Wollen Sie noch Fritten dazu?

(FlS)

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