Es ist an der Zeit, die ganz Großen der politischen Kommunikation zu ehren. Ja, ihre Ziele, ihre Methoden und ihre Moral sind oft umstritten. Aber dies ist die M.Press, das Magazin der Medien, und wo wenn nicht hier soll es möglich sein, ihre spektakulären Ergebnisse zu betrachten und neidlos anzuerkennen, dass sie die Besten ihres Faches sind? Diese Meister, die mit einem einzelnen Fernsehspot Märkte, Meinungen und internationale Machtapparate beeinflussen können. Diese Virtuosen des öffentlichen Diskurses, die es schaffen, nur Kraft der eigenen Ausstrahlung jahrlang für ganze Bevölkerungsschichten zu sprechen.
Ich spreche - natürlich - von Al-Quaida und Taliban.
Nimmt man PR als das Bestreben, die Öffentlichkeit mittels schlichter Kommunikation im eigenen Sinne zu beeinflussen, wird es wohl kaum jemand wagen können, sich mit dem schieren Erfolg des islamischen Fundamentalismus zu messen. Die letzten Tage haben uns ein weiteres Mal gezeigt, wie unheimlich effektiv Leute, die in Höhlen und Zelten leben und kein Buch außer dem Koran lesen dürfen, mit der modernen Medienlandschaft umgehen können.
Das Muster ist nicht neu. Vor sechs Jahren starben 2975 Menschen in einem Anschlag durch ein looses militantes Netzwerk, das sich später Al-Quaida nennen sollte. Diese morbide Inszenierung verwandelte den Geldgeber des Unternehmens in eine internationale Berühmtheit ersten Ranges. Seit diesem Tag haben die Äußerungen von Osama bin Laden, zumeist aufgezeichnet in abgelegenen Bergtälern, Felsgrotten und anderen Verstecken, mehr Sendezeit sicher als die so ziemlich jeden gewählten Kopfes auf der Erde. Der Mann, dessen Organisation seit dem Beginn ihres heiligen Feldzuges gegen den Großen Satan Amerika weniger Menschen getötet hat, als in den USA in einem halben Jahr an Autounfällen sterben, kann durch seine zur Primetime wiederholten Andeutungen ganze Industriezweige in die Krise stürzen.
Warum gibt man diesen wenigen Wahnsinnigen diese Macht? Weil sie genau das liefern, was der Markt wünscht. Westliche Politik bietet der Medienlandschaft Pressekonferenzen, Staatsbesuche und langfristige Entwicklungen; langwierige Themen ohne Überraschung oder Farbe. Der Fundamentalismus bietet Autobomben, Entführungen und Selbstmordanschläge; Actionkino im Reality-Format. Welcher wirtschaftlich denkende Medienvertreter wird da seine Publikation mit Ersterem aufmachen? If it bleeds, it leads - Tote bringen Quote.
Die Ironie dahinter ist, dass eben solches Verhalten beweist, wie machtlos Al-Quaida und Co. tatsächlich sind: Hätten diese Terroristen die Möglichkeiten, eine ernsthafte Bedrohung darzustellen, hätten sie es nicht nötig, jeden ihrer Morde einzeln in Szene zu setzen, schon, weil es in dem Fall zu viele davon gäbe. Selbst im Nahen Osten ist nicht alles Fundamentalist, was schießt - auch wenn die Berichterstattung manchmal etwas Anderes vermuten lässt. Die einzige Hoffnung dieser Randgruppen besteht darin, ihre unschuldigen Opfer selbst in Nachrichten zu verwandeln.
Die Rechnung geht auf. Solange die westliche Presse bei der Berichterstattung über die arabische Welt zwischen gewalttätigen Extremisten und moderaten Politikern, zwischen Selbstmordanschlägen und langsamer Emanzipation wählen muß, wird ihr mediales Bild von der lauten Minderheit geprägt sein werden. Vor sechs Jahren wurden in Afghanistan Frauen dafür gesteinigt, unverhüllt auf die Straße zu treten. Heute ergreifen sie Berufe und erlernen fremde Sprachen. Ich bin weiß Gott nicht sicher, ob es wirklich weise war, einzumarschieren, aber wie man es auch sonst sehen will: Dies hier ist ein Triumph. Es gibt in diesem weit entfernten Land tausende kleine Erfolge, für die Menschen aus aller Welt hart gearbeitet haben - doch kaum dass ein paar verblendete Schlägertypen genug Glück hatten, einige Ausländer in ihre Gewalt zu bekommen, fragt sich jeder Kommentator, ob es das Alles wirklich wert ist.
Die Fanatiker liefern die Musik, und wir tanzen dazu: Regierungen sehen sich genötigt (oder nehmen es als Vorwand), auf diese Verbrechen zu reagieren - was genau das Ziel eines jeden Terroristen ist, denn so tragisch ein Anschlag auch sein mag; für die Meisten ist er direkt nicht spürbar. Die Handlungen eines Staates dagegen sind es - erst durch die Reaktion seines Feindes wird der Terrorist wirklich mächtig. Er muß darauf hoffen, ernst genommen zu werden, oder er ist bedeutungslos. Ein Problem, das bin Laden vor sechs Jahren virtuos hinter sich gelassen hat. Bravo.
(FlS)
