Einst sahen sich die Monarchen, die damaligen Spitzenpolitiker, als Stellvertreter Gottes auf Erden. Ihr Recht auf Herrschaft war gottgegeben. Aber das war einmal. Inzwischen ist dieser Standpunkt leicht unzeitgemäß, etwa wie die Forderung nach der Jungfräulichkeit – zumindest nach der der Frauen bei Eheschließung.
Die Politiker, nachdem sie das Gottesgnadentum los sind, müssen nun auf die Such nach stets neuen Selbstdarstellungsmöglichkeiten gehen, um ihre Wähler zu erreichen. Denn auch die Konkurrenz schläft nicht. So stürzen sie sich dankbar auf das World Wide Web, auf das theoretisch jeder Erdbewohner zugreifen kann. Vorausgesetzt ist natürlich ein entsprechender Anschluss am PC.

Bildquelle: YouTube.com
Ob das Internet die anderen Medien einmal verdrängt haben wird, ist eine Frage für sich. Fest steht, dass das Internet immer mehr an Bedeutung gewinnt, wie allein der vieldiskutierte Begriff Web 2.0 zeigt. Der „Erfinder“ des Web 2.0, Tim O’Reilly, bezeichnet mit „The Web as platform“ die wachsende Beteiligung des Einzelnen an den Inhalten der Webseiten als ein wichtiges Wesenmerkmal von Web 2.0.
Das Internet wird demokratischer. Man redet mit, man teilt sich mit. Und das nicht nur in Textform in den unzähligen Blogs, sondern auch über Bild und Ton mit Hilfe von Videos in Videoportalen.
Eines dieser Portale ist YouTube, das im Februar 2005 von den Ex-PayPal-Mitarbeitern Jawed Karim, Chad Hurley sowie Steve Chen gegründet und offiziell am 6. September 2006 von Google übernommen wurde. Vor kurzem begann YouTube die Konvertierung der Videos in das H.264-Format, um ihnen Kompatibilität mit dem iPhone zu ermöglichen. Das soll gegen Ende dieses Jahres sein Debüt auf dem europäischen Markt feiern.
Angesichts solcher Entwicklungen geht sogar Gott online, nämlich im Videoportal GodTube, das seinem viel bekannteren großen Bruder YouTube nachempfunden ist, auch was das Motto angeht: GodTube – Broadcast Him.
Die genaue Übersetzung des Mottos von YouTube dürfte für uns kein Problem sein, für uns, die sich ungefähr seit der fünften Klasse mit dem Englischen auseinandersetzen müssen. Der Begriff „to broadcast“ bedeutet in erster Linie so viel wie „senden“ oder „ausstrahlen“ (über Rundfunk), das heißt im Sinne einer mehr oder weniger neutralen Informationsverbreitung. Aber wir hatten es geahnt – „to broadcast“ kann auch für „ausposaunen“ oder „austrompeten“ stehen. Seht her, was ich für tolle Videos machen kann.
Lange vor Gott haben auch die Politiker die Vorzüge des Web 2.0 und insbesondere die von YouTube für sich entdeckt, das genau den richtigen Zweck für sie erfüllt, sprich „Broadcast yourself“. So findet man unter www.youtube.com – Categories – News & Politics eine Menge Videos zum tagesaktuellen politischen Geschehen. Und überall auf der Welt wird YouTube verschieden eingesetzt. Hierzu ein kleines Panorama, extra für euch recherchiert:
Türkei/Griechenland: Ende Februar dieses Jahres wurde ein regelrechter Video-Krieg zwischen Griechen und Türken entfesselt, wobei man den Gegner in Videos beleidigte. Auch der längst verstorbene Gründer der modernen Türkei, Kemal Atatürk, wurde nicht verschont und als schwul deklariert. Letzten Endes wurde die Sperrung von YouTube gerichtlich verordnet, nach einem Tag jedoch wieder freigegeben.
USA: Am 23. Juli mussten sich die US-Präsidentschaftskandidaten den zuvor per Video auf YouTube eingegangenen Fragen stellen, die sie in einer CNN-Talkshow beantworten mussten. Außerdem werden die Kandidaten Barak Obama und Rudolph Giuliani von leicht bekleideten, tanzenden Girls in einem YouTube-Video inoffiziell unterstützt.
Deutschland: Jugendschutz.net warnt ebenfalls vor der Sorglosigkeit in Bezug auf YouTube. Dort seien viele Mitschnitte von rechtsradikalen Bands vorhanden.
Im September 2006 waren auf YouTube außerdem (inzwischen längst gelöschte) Probeaufnahmen für die NPD-gesteuerten Nachrichten im ARD-Look zu finden. Die sollten einen Vorgeschmack auf die rechte Nachrichtenplattform im Netz bieten. Die NPD entdeckt langsam das WWW; sie hatte es jedoch lange als Erfindung des „imperialistischen Feindes“ USA verschmäht.
EU: Die Europäische Kommission rief den YouTube-Kanal EUTube ins Leben, der ausschließlich Videos mir EU-relevanten Inhalten beherbergen soll.
Der wohl brisanteste Vorfall ereignete sich Anfang April 2007 in Thailand. Dort hat die Regierung das Portal landesweit blockiert, da der König Bhumibol Adulyadej in einem Video verspottet wurde: Wer auf YouTube zugreifen wollte, gelangte automatisch auf die Seite des Informationsministeriums…
Auf diese Weise geht YouTube um die Welt. Die einen verbieten es, die anderen machen damit jemanden lächerlich, die dritten nutzen es für ihre Zwecke aus. Eins ist aber sicher: YouTube ist auf jeden Fall der Selbstdarstellung förderlich. Für jedermann. Für Gott. Oder für die Politiker. Und für die restlichen Internet-User.
(XeZ)