6. September 2007

Zwei Cents: Zugvögel

Abgelegt unter: M.Kolumne — FlS @ 12:03

Nichts ist älter als der Hype von gestern. Eigentlich nur noch für Wok-Rodler oder Zlatko-Fans eine Neuigkeit, und doch wird man immer wieder davon überrascht: Vor gar nicht so langer Zeit konnte ich an dieser Stelle kaum glauben, welch großes akademisches Interesse an Computerspielen besteht. Heute sitze ich in einem leipziger Seminarraum und höre zu, wie jemand lächelnd eine Grabesrede auf das Forschungsthema hält.

Ganz ehrlich: Ich bin eigentlich ungeeignet, sachlich über digitale Spiele zu berichten, denn ich hab’ ihnen gegenüber einen kilometerbreiten blinden Fleck. Ich halte sie für das Medium der Zukunft, den neuen Roman, das bessere Theater; für eine Kunstform, die den Film an kulturellem Einfluss in den Schatten stellen wird. Es wäre fair zu behaupten, dass ich die Sache etwas ernster nehme, als es gesund ist.

Aus dieser Leidenschaft heraus habe ich ein paar Hebel in Bewegung gesetzt, um am Games Summer Camp teilnehmen zu können. Stellt Euch das Summer Camp als ein Kreuzung aus Blockseminar und Fachkonferenz vor: Ein auf Studenten zugeschnittenes wissenschaftliches Treffen in Leipzig, am Wochenende vor der Games Convention. Für den Sonntag sind zwei Gastsprecher aus der Industrie eingeladen. All das wird von Prof. Jantke co-organisiert, was wohl einer der Gründe dafür ist, dass die Eröffnung von ihm und etwa die Hälfte der Vorträge von Ilmenauern gehalten werden. So tritt er am Samstag morgen ans Podium und beginnt, zu sprechen. Es geht um den schlechten Entwicklungsstand der Spielewissenschaft. Um das Fehlen einer Verständigung zwischen den verschiedenen Disziplinen, die sich mit Games beschäftigen. Um die Notwendigkeit einer fachübergreifenden Sprache, mit der man sich über die eigenen Erkenntnisse austauschen kann. Es ist ein guter Vortrag, wie viele von Euch bestätigen können - denn Jantke hält ihn, wie er selbst grinsend zu gibt, nicht zum ersten Mal.

Als sich der Applaus legt, steht der leipziger Haupt-Organisator, ein freundlich lächelnder Informatikprofessor mit Schnauzer und dicken Brillengläsern, vorn und möchte einige Anmerkungen zu Prof. Jantkes Vortrag machen. Der sehe das nämlich momentan sehr stark aus der Perspektive der Spiele selbst; wenn man es aus der Sicht der einzelnen Forschungdisziplin sähe, sei die Sache etwas anders. Für die böten sich in der Spieleforschung nämlich jeweils nur sehr dünne Betätigungsfelder (hier mal ein neuer Algorithmus, da mal eine neue psychometrische Studie, dort vielleicht noch eine ökonomische Analyse). Alles in Allem sei das “zu schmal”. Aber links und rechts von den digitalen Spielen läge ja noch mehr! Serious Games und e-Learning und Simulationsanwendungen - da müsse man hin! Das müsse man alles gesammelt betrachten! Mein Gesichtsausdruck hat sich während dieser Ansprache ziemlich verfinstert. Vor Prof. Jantkes Vortrag hat dieser Mann noch davon gesprochen, wie interessant das Thema Computerspiele vor einem Jahr gewesen war; jetzt erklärt er, dass man ganz dringend etwas Neues anfangen müsse. Um einen ilmenauer Dozenten zu zitieren: Die Sau ist durchs Dorf getrieben. Wir brauchen eine Neue.

Ich melde mich, weise darauf hin, dass digitale Spiele so wenig verstanden sind, dass man eigentlich noch gar nicht sagen kann, wie viel Forschung hier wirklich nötig sein wird. Behaupte, dass eine Verbindung mit anderen Forschungsgebieten noch gar nicht möglich sein dürfte, denn noch verstehen wir ja kaum, was ein Spiel eigentlich ausmacht. Der Professor lächelt, und nickt, und ignoriert meinen Einwand. Jedes Mal, wenn er im Folgenden Fragen oder Anmerkungen zu einem der teilweise hervorragenden Vorträge anbringt, werden diese von der Spieleforschung weg führen. Nicht ein einziges Mal spricht er von einem bestimmten Spiel. Ich bezweifle, dass er in dem Jahr wissenschaftlicher Beschäftigung mit dem Thema Computerspiele ein einziges ausprobiert hat.

Später, als ich mit anderen Studenten drüber rede, bemerkt einer abgeklärt, dass Forschungsthemen eben eine Lebenserwartung von zwei bis drei Jahren haben - der Leipziger ist einfach ein wenig schneller als der Rest. Er sieht im Thema Computerspiele kein weiteres Potential für sich und seine Karriere als Forscher, und das war’s.

Der nächste Tag bringt einen Vortrag von Don Daglow, der für sich beanspruchen kann, einer der ersten fünf Spielentwickler überhaupt gewesen zu sein. Es ist kein wissenschaftlicher Beitrag, sondern der Rückblick eines Mannes, der eine schräge Idee zu seinem Beruf gemacht hat und damit 35 Jahre später sehr, sehr zufrieden ist. Er erzählt von den Schwierigkeiten, den Risiken und den Verschrobenheiten seiner Industrie. Und er erzählt von einem Brief, den er vor fünfzehn Jahren bekam, kurz, nachdem er mit seinem Team eines der ersten Onlinerollenspiele veröffentlicht hatte. Der Brief stammte von einer Frau, die in einer gewalttätigen Beziehung feststeckte und - wie es vielen in solchen Situationen geht - lange Zeit fast vollständig isoliert war. Sie wollte Daglow danken, denn in seinem Spiel hatte sie Freunde gefunden; Leute, die ihr aus tausenden Kilometern Entfernung den Zuspruch gaben, den sie brauchte, um sich von ihrem prügelnden Mann zu trennen.

Computerspiele bedeuten etwas. Sie sind Erholung und Unterhaltung und Inspiration und manchmal, manchmal sind sie Lebenshilfe. Ich sitze da, in diesem Seminarraum in Leipzig, und für mich ist Don Daglows Rede eine Erinnerung an die Gründe, aus denen ich mein Leben in diese Arbeit investieren will. Drei Bankreihen weiter vorn sitzt ein lächelnder Mann mit Schnauzbart, und für ihn ist all das ein Job. Nicht mehr, nicht weniger. Und lächelt ruhig, denn ich bin mir sicher, für Euch, die Ihr andere Leidenschaften und Überzeugungen habt, war das vorhersehbar - aber mich hat es ziemlich überrascht.

(FlS)

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