Die Tage werden kürzer, die Mensa füllt sich wieder und im Kaufland werden Christstollen verkauft. Es muß September sein. Bald werden sie wieder über den Campus wandeln - schüchtern lächelnd, nie einzeln unterwegs, und gepflegter als der ganze Rest von uns zusammen: Die Erstis kommen.
Ich würde gern behaupten, dass diese Kolumne für sie - für Euch - geschrieben ist. Wenn ich aber ganz ehrlich bin, ist das hier, so wie jeder Ratschlag, den man Euch in den nächsten Wochen anbieten wird, zunächst mal verbale Selbstbefriedigung. “Seht, wie gut ich hier zurecht komme”, will der Langzeitstudent dem Anfänger sagen. Aber weil er dann doch nicht ganz so direkt sein will, verpackt er es in einem besserwisserischen Hinweis. Womit ich nicht behaupten will, dass ich in irgend einer Weise besser wäre - nur ehrlicher. Also:
Willkommen in Ilmenau, dem gefrorenen Herzen Deutschlands.
Was uns auch schon zum ersten Punkt bringt: Ilmenauer reden über schlechtes Wetter wie Angler über ihren letzten Fang. Hört Euch die Horrorstories freundlich lächelnd an und zieht mindestens zwanzig Prozent ab. Es ist noch immer übertrieben.
Die wichtigste URL Ilmenaus steht in keiner Eurer Broschüren: Gutspeisen.de - Eine Auflistung aller Imbissbuden und Bringdienste der Umgebung, inklusive Onlinebestellung. Bookmarkt sie jetzt, spätestens im ersten Prüfungszeitraum werdet Ihr mir danken.
Ilmenau ist eine kleine Stadt. Seid freundlich zu den Leuten, die Ihr trefft - Ihr werdet sie jahrelang jede Woche wiedersehn.
Wir sind hier nicht im Märchendorf. Wie auch sonst überall gibt es rechtsextreme Hohlköpfe und linksextreme Deppen. Gelegentlich kommt es zu Übergriffen, aber gottlob nicht sehr oft. Legt es nicht auf Ärger an, und Ihr werdet aller Wahrscheinlichkeit keinen bekommen.
Gesellschaftliche und zwischengeschlechtliche Diplomatie
Es gibt eigentlich zwei große Möglichkeiten, hier als Student Leute kennen zu lernen: Über das Studium, also in Seminargruppen, Projektteams, und so weiter; oder über studentische Clubs. Es überrascht mich noch drei Jahre später, wie viele es davon eigentlich gibt. Seht Euch um. Egal, ob Ihr einfach Filme mögt, oder gerne mit Elektroteilen versetztes Sperrholz in den Wind schmeißt - irgendwo auf dem Campus finden sich Gleichgesinnte.
Tut was. Tut irgendwas. Nichts ist einsamer, als das erste Semester ausschließlich zwischen Hörsaal, Supermarkt und Wohnung zu verbringen.
Es gibt da etwas, das nennt man ‘Verilmen’. Das geht so: Wir sind an einer TU und haben damit einen deutlichen Überschuss an Y-Chromosomen. Jedes Jahr bemerken das einige Mädchen und schließen daraus, dass sie sich hier alles erlauben können (’primäres Verilmen’). Die meisten Männer sehen diese Exemplare der holden Weiblichkeit, nehmen an, dass alle Mädels sich hier so benehmen werden, und geben die Partnersuche in Ilmenau frustriert auf (’sekundäres Verilmen’). Jene Frauen, die es eigentlich verdient hätten, einen Partner zu finden, bleiben deshalb lange und frustriert allein (’tertiäres Verilmen’).
Die Lösung für dieses Problem sollte offensichtlich sein. Viel Glück.
Unileben
In gewisser Weise ist das Studium eine höchst unbequeme Sache: Man hat zwar nur wenige feste Termine wie Vorlesungen oder Seminare, muß aber eigentlich ständig irgendwas tun. Dazwischen gehen Tagesstruktur und Arbeitsmotivation gerne flöten. Schafft Euch Eure eigene Routine. Bis um Zwölf zu schlafen ist für zwei Tage witzig. Nach zwei Wochen damit beginnt das Hirn, zu verrosten.
Niemanden interessiert, ob Ihr in die Vorlesung geht oder nicht. Gleichzeitig sind selten alle VLs wirklich was wert. Tut Euch selbst den Gefallen und geht nur in die, die Euch wirklich was bringen. Und wenn Ihr da seid - tut mir den Gefallen: Haltet die Klappe und hört zu.
Wer es für lächerlich und streberhaft hält, sich im Unterricht zu melden, möge viel Vergnügen in Ilmenau und viel Glück, wenn er in einem Jahr abbricht, haben. Wer dagegen denkt, sich durch ständiges Händerecken mit den Dozenten gut stellen zu können, bedenke eins: Viele von denen sind noch keine zwei Jahre aus dem Studium raus. Die nervt ein Schlauberger genau so sehr wie alle Anderen.
Lernt konstant. Auch schon dieses Semester. Zwei Wochen vor der Prüfung reichen nur selten. Ich hab’ auch nicht dran geglaubt - und bin dafür ziemlich auf die Nase gefallen.
Mit alten Klausuren zu üben, ist fast immer effektiver als das pure Durcharbeiten des Readers. Falls die Lehrveranstaltung neu ist: Übt doppelt so viel, die Dozenten wissen noch nicht, was sie von Euch erwarten können.
Medienstudium
Ihr studiert auf Bachelor oder Master. Egal, was man Euch so sagt: Noch weiß niemand so wirklich, was man einem für so einen Abschluss beibringen sollte. Stellt Euch darauf ein, dass an Euch und Eurem Studienplan herumexperimentiert werden wird. Das bedeutet einiges an Unannehmlichkeiten, aber auch, dass Manches an Eurem Studium Verhandlungssache ist. Macht den Mund auf, wenn was nicht funktioniert; kaum ein Dozent hat wirklich Interesse daran, Euch in den Dreck zu reiten.
Wo wir schon dabei sind: Die Dozenten am IfmK haben zwar gelegentlich ihre Macken, sind aber im Großen und Ganzen in Ordnung. Die Techniker können selten ihre Inhalte vermitteln, machen aber wenigstens sehr freundliche Klausuren. Unter den Wirtschaftswissenschaftlern gibt es dagegen ein paar, die toll erklären können, aber schlicht unfaire Prüfungen ansetzen.
Stellt Euch drauf ein, für die Nebenfächer mehr zu pauken als für die Kernbereiche.
Als ich hier her kam, hat uns ein Prof gleich zu Anfang erklärt, dass das hier die beste Zeit unseres Lebens werden würde. Das ist falsch, und es ist traurig, dass es für ihn anscheinend so war. Die beste Zeit unseres Lebens ist die Zeit, die noch vor uns liegt. Aber man kann es hier aushalten.
Macht das Beste draus.
(FlS)