09:45: Bis auf wenige Plätze ist der große Saal der Ilmenauer Festhalle voll – hauptsächlich mit genau 1202 Erstis sowie deren Eltern und weiteren Verwandten. Gesittet verkürzen sie die Zeit bis 10 Uhr mit halblauten Gesprächen, während vorne eine Präsentation über die Studiengänge und die Uni selbst läuft.
09:59: Das Kammerorchester positioniert sich auf der Bühne, und beginnt mit „Gaudeamus igitur“, nachdem das große Licht angegangen ist. Der ganze Saal erhebt sich, während der Akademische Senat und die Ehrengäste durch den Mittelgang zu ihren Plätzen in der ersten Reihe schreiten.
Als erster trat dann der Rektor der TU Prof. Scharff in seinem schmucken roten Talar vor den Rednerpult.
Prof. Scharff begrüßte alle Anwesenden und wünschte, dieser Tag möge ihnen „in besonderer Erinnerung“ bleiben. Die Veranstaltung wurde nicht im Audimax, sondern in der Festhalle durchgeführt, um die Zusammengehörigkeit von Stadt und Universität zu unterstreichen.
Des weiteren gab der Rektor den Studienanfängern ein paar Gedanken mit auf den Weg. Die Universitäten seien keine Innovationsinstrumente der Wirtschaft, sondern nur der Gesellschaft verpflichtet. Die Studierenden haben auch das Glück, in Ilmenau keine undefinierbare Masse zu sein, denn der Campus zeichnet sich durch sein Übersichtlichkeit aus
Am Schluss zitierte Peter Scharff den Soziologen Max Weber: Nichts ist für den Menschen als Menschen etwas wert, wenn er es nicht mit Leidenschaft tun kann.
In diesem Sinne ist den Erstis ebendiese Leidenschaft auch im Studium und natürlich auch in anderen Lebensbereichen zu wünschen.
Nun kam wie so oft die gute vor der schlechten Nachricht: Die neuen Professoren wurden auf die Bühne gebeten und bekamen ein in blaues Geschenkpapier eingewickeltes Präsent. Nicht vergessen wurden aber auch die, deren Gründe für den Abschied von der TU Alter, Tod oder Ortswechsel waren.
Als weiteres musikalisches Intermezzo ließ der Kammerchor der Universität „Cunhataiporã“, „Ich weiß mir ein Maidlein“ und „Fine Knacks for Ladies“ erklingen. Das erste Lied wurde mit aufgenommenen, leise beginnenden Tiergeräuschen eingeleitet, was im Saal bei dem einen oder anderen für Verwirrung gesorgt haben dürfte.
Den Höhepunkt des Programms bildete die Festrede des wohl prominentesten Anwesenden, des Bundespräsidenten a. D., Roman Herzog, der „gesamtdeutschen Integrationsfigur“ (Scharff).
Wegen seines Dialektes zwar nicht immer leicht zu verstehen, fühlte sich der ehemalige Bundespräsident am Rednerpult anscheinend wie zu Hause und philosophierte über „Europäische Einigung – Fragen und Scheinfragen“. Er sprang gelegentlich vom Thema zum Thema, verstand es dafür umso besser, die Anwesenden zum Schmunzeln zu bringen.
In Deutschland gebe es die schlechte Angewohnheit, eine Frage umso weniger zu diskutieren, je unwichtiger sie ist. In diesem Sinne begann der Redner mit den Scheinfragen.
Ist Europa ein Bundesstaat oder ein Staatenbund?. Weder das eine noch das Andere, so Herzog, sondern ein Staatenverbund. Die momentane Situation in der EU genüge weder der Definition vom Bundesstaat noch der vom Statenbund.
Zum EU-Beitritt der Türkei äußerte sich Herzog zum Teil kritisch: Diese Frage sei oftmals diskutiert worden – natürlich ohne Ergebnis – ,und das müsste im Augenblick auch so sein. Denn die Grenze der EU ist nicht geografisch, sondern überzeugungs-parlamentarisch. „Mann kann Diskussionen führen, man kann Entscheidungen vorbereiten und dann ja oder nein sagen.“, meinte Roman Herzog.
Die „wirklichen“ Fragen galten unter anderem der Beteiligung des Einzelnen am Gesamtziel Europa. Je mehr Menschen, Institutionen etc. sich daran beteiligen, umso wahrscheinlicher sei es, dass die Lösung für ein Problem gefunden wird. Deshalb sei er gegen zu viel Zentralisation in Europa.
Ebenso sei es wichtig, die ost- und mittelosteuropäischen EU-Mitgliedern bei ihrer Integration zu unterstützen. Er habe vollstes Verständnis dafür, dass nach mindestens 40 Jahren Souveränitätsverzicht zugunsten Moskaus die nun anstehende Abgabe der Kontrolle an Brüssel Unbehagen hervorruft.
Am Ende seiner Rede angelangt, meinte Herzog: „Man hat mir gesagt, ich darf 30 Minuten reden“. Jetzt sei die Zeit um, und er habe nichts dagegen, aufzuhören. Doch bevor er sich zurück an seinen Platz in der ersten Reihe begab, wünschte der Bundespräsidetn a. D. den Studenten ein erfolgreiches Studium.
Des weiteren ermutigten die zwei Vertreter des StuRa die Studienanfänger, sich bei Problemen hilfesuchend an sie zu wenden. „Vielleicht steht in ein paar Semestern einer von euch hier vorne und hält diese Rede – vielleicht besser“, schloss Nick Faulwetter.
Aber auch die Ilmkreis-lokale politische Prominenz durfte nicht fehlen, vertreten durch den Oberbürgermeister der Stadt Ilmenau, Gerd-Michael Seeber und den Landrat des Ilmkreises Benno Kaufhold, die beide die versammelten Erstis willkommen hießen.
Nach dem Auszug des Akademischen Senats und der Ehrengäste zu den „Gaudeamus igitur“-Klängen begab sich auch der Rest der Anwesenden nach außen, und man konnte ein echt ungewohntes Szenario erleben: Ein Autostau in der Naumannstraße…
(XeZ)