11. Oktober 2007

Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins im Praktikum

Abgelegt unter: M.Wissenschaft — ChS @ 20:46

Christian Salzborn hat es getan. Sechs Monate Praktikum bei der Daimler AG liegen hinter ihm. Vorbei sind gestresste Chefs, nicht funktionierende Kopiermaschinen und ständig zerbrechende Personalkarten, ohne die man bei Daimler nicht mal einen Kaffee bekommt. Was folgt, ist ein kurzer Erfahrungsbericht aus der Sicht eines Praktikanten unter dem großen Stern.

Langsam und doch dominant dreht sich der metallene Daimlerstern über den Dächern des Werkes Untertürkheim. Jeder soll sehen, wo der Vorstand der Daimler AG sitzt, alle Fäden zusammenlaufen und der Großteil der Produktion zentralisiert wurde.

Und zwischen all den Fertigungshallen, Entwicklungsebenen und Konstruktionsbüros sitzt ganz versteckt im Keller des Gebäudes 120 das Konzernarchiv. Offizielle Bezeichnung: Heritage Information Center. Mein Arbeitsplatz der vergangenen Monate. Die Seele und Geschichte des Konzerns konzentrieren sich hier in Archivschränken, Kommissionsbüchern und digitalen sowie analogen Datenbanken. Der Traum eines jeden Historikers, Buchautors, Journalisten und Wissenschaftlers. Es konnte schon mal vorkommen, dass man dem ein oder anderem bei Standort- bzw. Inhaltsfragen zur Seite stehen musste. Doch waren die meisten recht selbstständig. Man gebe Ihnen ein Platz in der Bibliothek, manchmal auch einen Kaffee und schon waren sie verschwunden in Ihren Unterlagen, Büchern und Notizblöcken.

So war der Rest meines Aufgabenspektrums durchaus buntschillernd, wie ein Regenbogen im Sommerregen. Da ging es um die Beantwortung diverser Anfragen in punkto Modellfragen, Sonderausstattungen, Zertifikaten, technische Daten usw., Kurierfahrten in die diversen Daimlerstandorte in und um Stuttgart, Inhaltsrecherchen für zukünftige Buchprojekte und die Auseinandersetzung mit Typenpostern, die alles andere als fehlerfrei waren.
Mit der Zeit entwickelt man eine Routine, weiß, wo was steht, wen man fragen muss und wie z.B. entsprechenden Anfragen „Daimlerlike“ zu formulieren sind. Wenn man das einmal drauf hat, macht die Arbeit gleich doppelt soviel Spaß. Der Chef knallt einem die Anfrage auf den Tisch, froh, sich um andere Sachen kümmern zu können, und schon weiß der Herr Salzborn, was zu tun ist.

Doch waren all die oben erwähnten Aufgaben nicht meine alleinigen Tätigkeiten im Werk. Wie ein Damoklesschwert schwebte mein Medienprojekt über mir. Die Mitarbeit an der neuen Daimler-DVD kam an manchen Tagen einer Sisyphosarbeit gleich. Am Rande sei kurz erwähnt, dass sich mein Aufgabenteil vor allem auf die Aufarbeitung und Evaluierung der Renngeschichte fokussierte. Und da konnte der Chris tagelang recherchieren und komplexe Exceltabellen bauen, die wiederum Grundlage diverser Datenbanken bildeten, am Ende hatten gewisse Leute ein paar Gehaltsstufen über mir doch noch Extrawünsche, die es umzusetzen galt. So ist es halt in der Wirtschaft, das letzte Wort hat immer der Chef; oder die, die Chef spielen dürfen.
So kann es ganz schnell passieren, dass sich unter den Myriaden an Aufgaben kleine Stressanzeichen erkennen lassen. Denn mein Medienprojekt lief parallel zu all den restlichen Obliegenheiten. Das erfordert ein tolles Zeitmanagement, starke Nerven (oder ein eigenes Fitnessstudio im Keller) und unheimlich viel Optimismus. Am Ende habe ich aber alles geschafft. Die DVD liegt in den letzten Zügen, jetzt haben andere den Stress. Alle Anfragen sind bisher zufrieden stellend beantwortet wurden und ich musste noch nie einen Geschichtsinteressierten im Regen stehen lassen.

Blicken wir also zurück auf mein Praktikum und ziehen ein Fazit. Ich bereue es auf keinen Fall und es war einer der besten Sommer seit langem (denn Stuttgart ist eine tolle Stadt; doch das gehört hier nicht hin). Ich bin in vielem noch ein Stück erwachsener geworden, habe mein Herz verloren und es wieder gefunden, bin reifer geworden und habe dazugelernt. Ich weiß nun, welche Welten zwischen der Theorie und Realität liegen. Eine Erfahrung, die wohl eine der wichtigsten Punkte in einem Praktikum darstellen sollte. So weiß ich, dass es mich nicht wieder ins Archiv zurückziehen wird. Zu sehr locken mich andere Abteilungen a la PR, Marketing und Werbung.

So rate ich jedem zu einem oder mehr Praktika. Denn wie hat es Dostojewski treffend zu bezeichnen gewusst:
„Niemals lässt sich aus Büchern lernen, was man nicht mit eigenen Augen sieht.“

(ChS)

3 Kommentare »

  1. buntschillernd wie ein Regenbogen im Sommerregen?!
    Medienprojekt als Damoklesschwert?!

    sorry, aber noch bedeutungs-schwangerer war wohl nicht drin! Gruß,
    Julia

    Kommentar von julia hehrlein, dein matrikel — 2. November 2007 @ 20:08

  2. Also ich gebe ja zu, dass der Autor ganz schön in die Kiste der Bildsprache gegriffen hat, aber es geht gerade noch so. Da wäre wohl bestimmt noch mehr drin gewesen. Ich kenne ihn, der hat noch viel bessere Sachen in seinem Wortschatz versteckt…
    Und die Intention kommt wohl klar rüber - auch mit dieser griechischen Metaphorik und lebenden Bildsprache.
    Wir haben wohl genug Texte, die sich wie verbalisiertes Trockenobst lesen. Dann doch lieber mal einen “Regenbogen im Sommeregen”

    Kommentar von Christian — 4. November 2007 @ 09:54

  3. Nun, an bildlichen Veranschaulichungen fehlt es hier wahrlich nicht…

    Kommentar von XeZ — 9. November 2007 @ 18:57

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