16. Dezember 2007

Buchrezension: Eine Drehung um die eigene Achse

Abgelegt unter: M.Rezension — DaE @ 16:31

Scherbentanz – ein Buch sowohl rhythmisch als auch scharfkantig. Eine Geschichte über ein „wankelmütiges Schneiderlein“, über sexsüchtige Zitrusfrüchte, „linksfickende“ Götter und andere Familienmitglieder. Chris Kraus´ erster Roman erzählt in witziger, gleichzeitig schmerzvoller Weise von Jesko, 33 Jahre jung, Modedesigner und -journalist, leidenschaftlich zynisch und leukämiekrank. Gleichwohl ihn die Krankheit nach Jahren mit seiner Familie zusammenführt, wird sie zur Nebenrolle im Drama um ihn und den Rest seiner Verwandtschaft.


Bildquelle: amazon.de

Die millionenschwere Familie von Solm produziert Zement und Moralbrüche, die am Ansehen bröckeln und deshalb besser unter den Tisch gekehrt werden. Das Oberhaupt Gebhard geht mit gutem Beispiel voran: erst vergnügt er sich mit einem Seitensprung, zeugt ein uneheliches Kind und verlässt dann seine Frau Käthe und die beiden gemeinsamen Söhne wegen seiner Sekretärin. Käthe hat sich von der hübschen, aufstrebenden jungen Frau zum alkoholzerstörten Wrack gemausert. Den Bruch mit Gebhard hat sie einfach nicht verkraftet und ihren Schmerz an ihren beiden Kinder Ansgar und Jesko ausgelassen. Brutal realistisch beschreibt Kraus die Wandlung der Mutter zum Monster und welche Qualen sie den Jungs, seelisch wie körperlich, zugefügt hat. Gleichzeitig wirkt sie hilflos und von aller Welt verlassen. Soll man mit ihr fühlen oder sie verurteilen, fragt man sich als Leser. Eine Antwort darauf zu suchen, bleibt keine Zeit, denn die Geschichte wird mit vielen kurzen Sätzen vorangetrieben. Sein zynischer Schreibstil dient dem Autor außerdem als Katalysator.

Von ihrer Kindheit gezeichnet stehen die beiden Brüder nun vor ihren verirrten Seelen. Ansgar versucht die Vergangenheit und die damit verbundenen Therapiestunden gegen seine Aggressionen hinter sich zu lassen. Doch die Familienzusammenführung reißt alte Wunden auf. Käthes Knochenmark scheint Jeskos letzte Chance auf Leben zu sein und so wird sie mit ihm zusammen in ein Haus auf dem prachtvollen Solm-Grundstück verbarrikadiert. Ansgars bessere Hälfte Zitrone steht den beiden zur Seite. Sie ist Krankenschwester mit typischem Helfersyndrom, doch auch ihre Schattenseiten bleiben in der Inszenierung des schönen Scheins nicht verborgen. Still und heimlich offenbart sich die Sexsucht aus ihrer Vergangenheit. Sie gibt sich stark, um gegen ihre Schwäche anzukämpfen. Jeskos Prinzip durchs Leben zu gehen ist das gleiche, nur weitaus egozentrischer und einsamer. Er will Zitrones Hilfe nicht und nimmt generell nur Ratschläge Senecas an. Doch nach Seneca hat jede Rohheit ihren Ursprung in einer Schwäche und so muss auch Jesko einsehen, dass seine Welt ohne einen geliebten Menschen nicht vollkommen ist. Zitrone muss bald feststellen, dass der Mensch, den sie liebt, nicht will, dass sie ihn liebt und wird von einer anderen Frau an Ansgars Seite abgelöst. Hintergangen und verletzt fällt sie zurück in ihr altes Ich.

Jetzt, da Käthe „trockengelegt“ ist und ihr der Alkohol versagt bleibt, dämmert ihr die Wirklichkeit und ihre Gedanken werden stückweise klar. Sie ist leider nicht der passende Spender für Jesko und erinnert sich an Gebhards Seitensprung und den Sohn, der daraus entstanden ist. Zusammen mit ihr macht sich Jesko, widerwillig, aber von seinen unterbewussten Hoffnungen getrieben, auf die Suche nach Anhaltspunkten, wer sein Halbbruder und letzte Rettung ist. Höchstspannend und elektrisierend gibt Kraus die Suche in Gebhards Büro wieder. Der Herzschlag steigt mit jedem Satz. Jeden Moment könnte jemand auftauchen und den Einbruch stören. Werden die beiden etwas finden, das einen neuen Akt im Drama eröffnet? Da ist der Höhepunkt der Geschichte schon eingetroffen: Es gibt ihn tatsächlich, den letztmöglichen Spender. Die Freude darüber wird von der ernüchternden Gewissheit getrübt, dass der saubere Vater diese Möglichkeit vorenthalten hat, aus Angst um den Ruf der Familie. Eher würde er Jesko sterben lassen.

Verloren in den Trümmern der Solms findet Jesko Zitrone wieder, die ihn genauso braucht wie er sie. Er sträubt sich nicht länger, rettet sie und lässt sich retten. Auch der Rest seiner Familie deckt unter den Fragmenten ihrer Geschichte ihre persönliche Wahrheit auf und macht sie sich mehr oder weniger bewusst. Ob sie einen Herrn Gebhard von Solm ändern kann, ist fraglich. Doch der Tanz auf den Scherben offenbart nicht nur Geheimnisse. Der tiefe Blick hinter die Kulissen, so erbarmungslos er auch ist, bringt Jesko und den Menschen um sich herum den Frieden, den selbst die positive Knochenmarkspende nicht herbeizaubern könnte.

(DaE)

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