Darf ich vorstellen: Ethan Hawke, ein Hollywood-Schauspieler mit Schreibambitionen. „Hin und weg“ (Originaltitel: „The Hottest State“) heißt sein erster Roman, erschienen 1996. Eine Liebesgeschichte. Noch Fragen?

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Zu erwarten sind hochdramatische Dialoge zum Dahinschmelzen mit viel Glitter und noch mehr Glamour, fernab von Stil und Realität. Am besten sollte man nichts erwarten, dann gibt’s auch keine Enttäuschung. Aber es gibt eine angenehme Überraschung: den Leser erwartet nichts dergleichen!
Zugegeben, von Dramatik versteht Hawke etwas, aber absolut bodenständig und lebensnah. Eine Handlung wie sie die persönliche Daily Soap eines jeden schreiben könnte. Sie erzählt von William Harding, einem jungen Schauspieler aus Texas in New York. Sein Leben ist das eines „gutaussehenden Bluffers“, dem viele namenlose Liebschaften und über Wasser haltende Jobs in den Schoß fallen, ohne dass er etwas dafür tut.
„Der Glückliche …“ mag mancher seufzend denken. Ein Dasein auf der Oberfläche ist jedoch niemandem gegeben, ohne irgendwann darauf auszurutschen. In der Bar „Bitter End“ trifft Will Sarah, die erste Frau, die ihn auf einen Tiefgang mitnimmt. Sie ist keine typische Schönheit, eher faszinierend unperfekt. Hawkes leichtfüßige Art Sarah zu beschreiben: „Sie war komisch, so wie es komisch ist zuzusehen, wenn Leute im Bus einschlafen und ihr Kopf immer weiter nach unten sackt, bis sie plötzlich hochschrecken.“ Das Buch lesen ist wie mit jemandem zu seiner Lieblingsmusik tanzen. Der Text bewegt sich mit lockerem Hüftschwung und geschlossenen Augen über die Tanzfläche. Hawke schreibt so, wie man liest. Nicht umgekehrt. Die Geschichte verliert nie ihren Rhythmus, auch nicht durch eingebaute Rückblenden.
Fließend sind auch die Übergänge in Wills Gefühlswelt. Aus Faszination wird schnell Liebe. Er hinterfragt Sarahs Drolligkeit nicht, er liebt sie einfach. Das Wahre, Menschliche an ihr gibt ihm den nötigen Bezug zur Realität, den er noch nie hatte. Sie empfindet dasselbe für ihn, nur weniger unbeschwert. Nach einer missglückten Beziehung glaubt sie an nichts weniger als an sich selbst. Fast utopisch kommt es ihr vor, dass ein Mann an ihr interessiert ist, geschweige denn sie für das tollste Mädchen seines Lebens hält. Sie kann seinen Gefühlen nicht trauen, sich ihm hinzugeben ist unmöglich und das eigene Glück zu genießen völlig undenkbar. Ihr Fazit: Beziehung nicht ausgeschlossen. Damit beginnt das Ende. Das bittere. Es folgen drei Monate frühlingshafter Gefühle, verstohlener Küsse und großer Erwartungen. Was wäre das Süße aber ohne den herben Beigeschmack? Egal was William tut, Sarah kann ihre Zweifel nicht ablegen und stößt ihn zurück, so brutal realistisch wie weltentrückt.
Daraufhin weiß William nichts mit sich anzufangen, sucht Zuflucht in Hochprozentigem, zerlegt seine Möbel und terrorisiert das Mädchen mit endlosen Texten auf dem Anrufbeantworter. Der Ich-Erzähler im Buch lässt unverfälschte Blicke in sein Seelenleben zu und zieht den Leser mitten ins Geschehen und seine Schmerzen hinein. Ihm macht der plötzliche Verlust zu schaffen. Noch schlimmer aber ist die Tatsache, dass er Sarah nicht halten konnte. Würde er jemals eine Frau finden, die eine ernsthafte Beziehung mit ihm eingeht? Erst jetzt hat er Geschmack an einem Leben zu zweit gefunden. Nicht unverfänglich. Für eine Zeit bestimmt, die weit über das Frühstück am Morgen danach reicht. Er hat eine Chance verstreichen lassen und festgestellt, dass sie nicht wiederkehren wird.
Theoretisch wäre jetzt ein Happy End nicht fehl am Platze, wie es einer Liebesgeschichte à la Hollywood gebührt. Ethan Hawke enttäuscht diese Erwartung glücklicherweise und setzt seiner menschlichen Geschichte einen menschlichen Schluss. William muss wie jeder andere eines Liebeleidenden den Weg von ganz unten nach oben bezwingen. Was ihm bleibt, sind Erinnerungen und die Erkenntnis, dass er nicht nur etwas verloren hat …
(DaE)