Ich hätte nie gedacht, dass Pessimismus so viel Spaß machen könnte. Und doch - ich sitze hier vor einer kleinen Bühne, zusammen mit einer Band, die Gefahr läuft, heute Abend mehr Mitglieder und Helfer als Zuschauer im Saal zu haben, und alle haben gute Laune.

Quelle: http://www.5idelity.de
Die Band, deren Sympathien ich mit diesem Eingangsabsatz sicherlich strapaziert habe, heißt 5idelity. Die fünf Jungs sind dem durchschnittlichen Ilmenauer Studenten dank mehrerer ausverkaufter Konzerte auf dem Campus und dreier CDs (inklusive gut besuchten Release Parties) durchaus ein Begriff. Außerhalb dieser exklusiven, aber begrenzten Zielgruppe sind sie noch nicht ganz so weit. Und so tut man, was jede junge Band tut, um bekannter zu werden: Man geht auf Tour. Besagte Tour wird übrigens von drei AMW-Studenten im Rahmen ihres Medienprojektes ausgerichtet. Das ist tatsächlich der Grund, aus dem ich an diesem Sonntag um zwölf Uhr in einem vollgequetschten Auto gen Gera aufbreche: Ich hatte noch nie ‘nen Song von 5idelity gehört und eigentlich nicht geplant, das zu ändern, aber ich wollte der befreundeten Orga helfen.
Gegen Zwei kommen wir in Gera neben einer wunderschönen Villa, in deren Keller das örtliche Kabarett eine kleine Bühne betreibt, an. Auf dem Weg habe ich von den vier Mädels, die mit mir im Auto saßen - zwei Orgas, zwei Helferinnen - Geschichten über die Konzerte in Erfurt und Meiningen gehört. Anscheinend waren die bisherigen Zuschauerzahlen nicht unbedingt berauschend. Gera - weit, weit weg von Ilmenau - war von vornherein als schwächstes Konzert der Tour eingeplant worden. Ich mache mich darauf gefasst, heute Abend sehr viel Platz vor der Bühne zu haben.
5idelity tun einiges, um neue Hörer zu erreichen. Vor kurzem haben sie einen deutschlandweiten Gesangswettbewerb gewonnen, sie waren im Radio, das Orgateam hat u.a. Pressemitteilungen, Flyer und Plakate verschickt. Ich sollte es wissen: Ich saß in den Vorlesungen, während denen sie die Sachen durchgesprochen haben, neben ihnen.
Vor Ort haben drei früher angekommene Leute bereits den Großteil der Technik aufgebaut. Ich mache mich nützlich - stelle Stühle auf (A-Cappella-Musik zeichnet sich nicht unbedingt durch großes Mosh-Pit-Potential aus), helfe bei der Beleuchtung und verbringe peinlich viel Zeit damit, eine große Plastikinsel, die Teil der Bühnenshow ist, aufzupumpen. Danach heißt es warten - bis die Band ankommt, bis der Soundcheck los gehen kann, bis die Abendkasse geöffnet wird und sich heraus stellt, ob noch jemand Karten kaufen will. Irgendwo über dem Fast Food, das den Helfern spendiert wird, bestätigt sich ein hoffnungsvolles Gerücht: Es wurden bereits einige Karten im Vorverkauf verkauft. Anscheinend sind wir heute Abend doch nicht ganz allein.
Es ist nicht leicht für junge Musiker, größer zu werden. Ein Mitglied einer weiteren Ilmenauer Band, die ganz andere Musik macht und schon weit genug ist, um eine deutschlandweite Touren zu riskieren, hat mir vor Kurzem voller Stolz erzählt, dass sie im Durchschnitt 80 Leute in den Clubs hatten. Der Weg zum ausverkauften Konzert im großen Hause ist lang. Es sei denn, man hat Glück und nimmt eine Abkürzung - was wohl erklärt, warum auch nach der xten Staffel „Deutschland sucht den Superstar“ ohne wirklich erfolgreichen Sieger noch immer talentierte Leute ihr Glück versuchen. 5idelity steht übrigens auch hier nicht zurück - sie haben, wie sie schräg grinsend zugeben, am „Supertalent“-Parallelformat teilgenommen. Aus purer Gaudi, versteht sich.
Die Band kommt am Veranstaltungsort an, während gerade der Kassenschalter aufgebaut wird. Die Orga bestellt Pizza für sie, koordiniert sich mit dem Gastronomieteam, das die Bar der Bühne übernimmt, und ich bekomme im Soundcheck meinen ersten Eindruck von der Musik der Jungs. Nacheinander singt jeder einzeln, während sein Mikrokanal justiert wird. Jeder probiert sich und sein Equipment an einem anderen Lied. Und vielleicht ist es dieser Eindruck von fünf nacheinander auftretenden Solosängern, aber für mich scheinen sich Sound und Ton der Texte auch später am Abend noch mit den einzelnen Bandmitglied zu unterscheiden: Von subtiler Ironie zu klassischen Klängen, die auch von den Comedian Harmonists hätten stammen können, über selbstbewussten Rap bis hin zu rotzig-fiesen, geradezu rockigen Noten bringt jeder der fünf Sänger seinen eigenen Stil mit - und gewährt jedem der Anderen mal die Gelegenheit, den Seinen auszuleben. Die Probe endet gerade mit einer mehrfach für Manöverkritik und lockere Sprüche unterbrochenen Nummer, als an der Kasse die ersten Gäste eintreffen.
Plötzlich herrscht leichte Hektik. Der Merchandising-Stand wird besetzt, die Bühne geräumt und zurecht gemacht, die Band verschwindet mit ihren Pizzen. Und wider Erwarten kommen die Leute. Bald werde ich gebeten, im Zuschauersaal zu bleiben und weiter Stühle rein zu stellen, falls es eng wird. Wird es zwar nicht ganz aber immerhin fast: Die Kleinkunstbühne ist bis auf drei Plätze voll besetzt. „Das ist Kabarett“, meint einer der Organisatoren „da ist es für’s Publikum kein großer Sprung zur Comedy von unseren Jungs.” Vielleicht hat er Recht. Das Publikum passt auf jeden Fall zum Kabarett, Band und Helfer senken den Altersdurchschnitt deutlich. Ich frage mich, ob der Rap und die teilweise knapp vorm Dreisten liegenden Texte hier wirklich ankommen werden.
Als die Band - verkleidet als vertrocknete Thüringer Landjungen komplett mit kariertem Pullunder, Seitenscheitel und Hornbrille - auf die Bühne tritt, empfängt sie höflicher Applaus. Drei Lieder später klatscht das Publikum geschlossen mit. Selbst, dass ein Sänger die Bühne verlässt und eine unschuldige Zuschauerin in den Song einbaut, wird verziehen. Als 5idelity später am Abend im Refrain beteuert „Wichsen im Urlaub ist bitter!” lacht niemand lauter, als der älteste Zuschauer im Saal. Die Band kommt einfach locker rüber - selbst, wenn sie eine steife, verkrampfte Rolle spielt. Ihre Scherze, die oft recht nah am Pubertären vorbei schrammen, kommen nichtsdestotrotz an, weil sie mit viel guter Laune und einem selbstironischen Augenzwinkern vorgebracht werden. Am Ende, kurz vor den zwei Zugaben, holt die Band mühelos das komplette Publikum (darunter weißhaarige Großväter) von den Stühlen und bringt sie dazu, mit zu tanzen. Nach dem finalen Abgang strömen breit grinsende Zuschauer aus dem Saal. Autogramme werden gejagt, CDs gekauft. „Ihr seid doch Medienwissenschaftler, oder?” fragt eine Zuschauerin die Orga. „Bringt die groß raus, die haben’s verdient!”
In zwei Wochen steht das letzte Konzert der Tour an - in Ilmenau, im Audimax. Platz für 600 Leute, wo heute, am bisher besten Abend der Tour, eine Kleinkunstbühne kaum ganz gefüllt war. Klar, das wird ein Heimspiel, aber doch sieht fast jeder der Orga und der Band beim Abbau mal leicht skeptisch in den kleinen Raum, der ein dutzend Mal in den Hörsaal passen würde. Bis jemand anders einen Witz reißt. Der Pessimismus bleibt. Der Spaß auch.
(FlS)