23. Juni 2008

„Jugendliche müssen lernen Konflikte zu lösen“ - Prävention von Jugendgewalt in Thüringen

Abgelegt unter: AB Journalismus — M.Press @ 15:20

Jugendgewalt und schärferes Jugendstrafrecht - was die Politik derzeit umtreibt, entsetzt viele Experten. Jugendeinrichtungen und -verbände zeichnen ein entgegen gesetztes Bild der Lage in Deutschland und lehnen Warnarrest, Bootcamps und härtere Strafen kategorisch ab.

In ihrer Pressemitteilung ruft die Opferschutzorganisation, der Weiße Ring in diesen Tagen zu mehr Besonnenheit beim Thema Jugendgewalt auf. Das Vertrauen in die Arbeit der Polizei und der Justiz dürfe nicht verloren gehen. Stattdessen müsse den Tätern ihr Fehlverhalten zeitnah und eindringlich verdeutlich werden. Schnelle und vor allem spürbare Sanktionen könnten die kriminellen Karrieren Jugendlicher schon im Anfangsstadium stoppen.

Auch die Erfurter Justiz bemüht sich um mehr Gelassenheit und Objektivität. Entgegen der momentanen politischen Meinung, explodierte die Zahl der jugendlichen Gewalttäter in Erfurt nicht, so der Jugendgerichtshelfer Jürgen Engelhardt. Im Übrigen seien Körperverletzungsdelikte nicht die Regel. Die häufigsten Vergehen jugendlicher Straftäter seien Eigentumsdelikte, wie Diebstahl und Sachbeschädigung, erst im Mittelfeld stehe die Körperverletzung. Die rückläufigen Zahlen seien allerdings, in erster Linie, auf den Geburtenrückgang seit 1990 zurückzuführen. Doch auch die Statistik jugendlicher Straftäter gäbe keinen Grund zur Hysterie. Die meisten 14-18 jährigen treten lediglich durch Bagatelldelikte in Erscheinung und seien nur selten Wiederholungstäter. Ihren Spitzenwert erziele die Statistik im Alter von 19 bis 20 Jahren und würde anschließend, mit dem 21. Lebensjahr wieder sinken. Wobei man allerdings nicht außer Acht lassen darf, dass mit Erreichen des 21. Lebensjahres die Jugendlichen als Erwachsene gelten, und somit gemäß dem Erwachsenen Strafrecht verurteilt werden.

Das tatsächliche Problem liegt, laut Engelhardt an einer völlig anderen Stelle, denn gestiegen seien die Intensität der Delikte und die Zahl der Wiederholungsstraftäter. Die Ursache für diese Entwicklung, sieht Engelhardt in den Familien seiner jungen Mandanten. Ausgehend von seinen Beobachtungen, innerhalb seiner täglichen Arbeit, muss er immer wieder feststellen, dass Eltern das kriminelle Verhalten ihrer Kinder nicht ausreichend ernst nehmen, und häufig lassen gewalttätige Reaktionen bei Konflikten in Schule und Freizeit auf schlechte Vorbilder in der Familie schließen. „Da muss viel mehr passieren“, appelliert Engelhardt an die Politik. „Wir brauchen keine Camps“, stattdessen eine Erhöhungen der Gelder für Bertreuungs- und Begleitungseinrichtungen, um Projekte wie eine „Elternschule“ zu ermöglichen. Mit dem Ziel, Eltern mehr in die Verantwortung zu nehmen, damit sie wieder ein Vorbild für ihre Kinder sein können. Des Weiteren sei Bildung, im Zusammenhang mit jugendlichen Straftätern, von großer Bedeutung, „einseitige Gedankenwelten“ verstärken kriminelles Verhalten. Dort wo der Bildungsstand hoch ist, sind die Anzahl der Straftaten geringer. „Es ist wichtig Konflikte lösen zu lernen“, dabei geht die Jugendgerichtshilfe mit gutem Beispiel voran, und bietet Antiaggressions- und Soziale Trainingskurse an.

„Die beste Prävention ist die Jugendarbeit“, sagt der Geschäftsführer des Stadtjugendrings in Erfurt Lutz Gruber, „wenn man dort investiert, hat man auch Möglichkeiten“. Obwohl sich die Jugendlichen gezielt und auf eigene Initiative in den vielen Sportvereinen und Jugendorganisationen des Stadtjugendrings engagieren, könnte man meinen, dass der Stadtjugendring, sich mit dem Problem Jugendkriminalität nicht auseinanderzusetzen braucht. Doch der Ring ist sich seiner Verantwortung bewusst und verschließt sich dem Thema nicht. In Arbeitsgemeinschaften des Rings werden Themen wie Gewalt- und Suchtprävention ganz gezielt angesprochen, und damit nicht „jeder seine eigenen Suppe kocht“, werden Informationen regelmäßig zusammengetragen und Erfahrungen miteinander ausgetauscht. Große Energie verwendet auch das Jugendrechtshaus in Erfurt darauf, Jugendliche und junge Erwachsene in Problemsituationen beratend zur Seite zu stehen. Der Tätigkeitsbereich der Anlauf-, Beratungs- und Vermittlungsstelle erstreckt sich, über kostenlose Beratungshilfe, in allen rechtlichen Fragen bis hin zur Präventionsarbeit. Regelmäßig finden in Kooperation mit Anwaltskanzleien und der Polizeidirektion Erfurt Vorträge und Seminare im Jugendrechtshaus statt, die bei Schulklassen und Lehrern auf große Resonanz stoßen. An diesen Themenabenden können sich Jugendliche über Probleme, wie Gewalt an Schulen und Rechte jugendlicher Straftäter und Opfer informieren. So ist dies ein guter Anfang, um Jugendliche verantwortliches Handeln zu lehren, aber um sie vor Straftaten zu schützen, bedarf es auch beruflicher und sozialer Absicherung, die nur die Politik ihnen geben kann.

(Stefanie Pfannes)

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